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Ein Beitrag von Prof. Dr. Egon Endres: Die Coronakrise wirkt wie ein Katalysator

 

Der Corona-Rettungsschirm der Bundesregierung berücksichtigt nach heftigen Protesten auch den Wohlfahrtsbereich. Angesichts von Betreuungsverboten und Schließungen ermöglicht das so genannte Sozialschutz-Paket Tausenden von sozialen Einrichtungen und Diensten, ihre Angebote unkonventionell fortzuführen. Ohne diese Sicherung wären bereits jetzt sehr viele gemeinnützige Träger insolvenzgefährdet. Auch tut es den Fachkräften im Gesundheits- und Sozialbereich gut, im Rahmen der Corona-Krise unerwartete Wertschätzung durch Öffentlichkeit und Politik zu erfahren.

 

Krise setzt enge finanzielle Grenzen

Drei Faktoren lassen es wahrscheinlich werden, dass der Wohlfahrtssektor im Zuge der Coronakrise massiv unter Veränderungsdruck geraten wird. Erstens dürften die volkswirtschaftlichen Kosten nach Einschätzung des ifo Instituts die Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte in den Schatten stellen. Die öffentlichen Haushalte als die entscheidenden Finanziers des Wohlfahrtsbereichs werden in erheblichem Ausmaß finanzielle Probleme bekommen. Zweitens nehmen bereits jetzt die schwächsten und ärmsten Gruppen unserer Gesellschaft die Krisenlasten wahr; ganz zu schweigen von den Menschen in Flüchtlingslagern unweit unseres Landes. Die Krise betrifft nicht nur diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben, sondern dürfte mittelfristig auch dazu führen, dass eine erhebliche Anzahl von Menschen um Arbeitsplatz, Wohnungsmiete und Hausfinanzierung fürchten muss.

 

Schließungen erzwingen neue Wege


Drittens dürfte die Digitalisierung von sozialen Dienstleistungen einen großen Sprung machen. Die infolge des Coronavirus notwendige Schließung von sozialen Einrichtungen und Diensten erzwingt und pilotiert bereits täglich neue innovative Schritte der Digitalisierung. Durch unterschiedliche Formen von Online-Diensten und -Beratungen versuchen die Verantwortlichen das sozialpolitische Leben aufrecht zu erhalten.

 

Vor diesem Hintergrund dürfte die Coronakrise wie ein Katalysator dazu beitragen, dass die digitale Transformation in großer Geschwindigkeit den Wohlfahrtsbereich erreicht. Nachbarschafts-Plattformen wie 'Nebenan.de', 'Nextdoor' aus San Francisco oder 'Betreut.de', ein Ableger der Google-Tochter 'Care.com' finden bereits seit einiger Zeit großen Anklang. Ob es um die Suche nach Tagesmüttern oder die Vorbereitung auf das Pflegeheim geht, geben diese Plattformen Antworten. Sie weisen auch auf Auffälligkeiten in der eigenen Nachbarschaft hin. Von den digitalen Plattformen zur Nutzbarmachung von Algorithmen ist es nur ein kurzer Weg. Facebook hat bereits in einigen Regionen der USA erprobt, auf welche Weise sich Suizidalität unter den Nutzern aufspüren lässt. Algorithmen kennen keine Gefühle und können nicht müde werden. Das ist ihr Vor- und Nachteil zugleich.

 

Innovationsforen bieten Lösungsansätze

Die Coronakrise dürfte die Entwicklung beschleunigen, dass digitale Plattformanbieter durch die Nutzbarmachung von Algorithmen und Venture Capital zu ernstzunehmenden Konkurrenten des Wohlfahrtsbereichs werden. Der Weg bis zur Etablierung neuer sozialer Dienstleistungen ist nicht mehr weit. Die teilweise noch ausgeprägten hierarchischen Organisationsstrukturen der Wohlfahrtsverbände sind auf diese Situation nur unzureichend vorbereitet.

 

Das Netzwerk der öffentlichen und freien Träger ist deshalb auf neue strategische Allianzen mit Akteuren aus anderen Welten angewiesen, wie der IT-Branche oder aus Startups. Ein Ansatzpunkt könnte dabei die Initiierung von Innovationsforen sein, an denen Macht-, Fach- sowie Prozesspromotoren aus den verschiedenen Bereichen beteiligt sind. Innovationsforen könnten entlang von Statuspassagen wie dem Übergang von der Schule in den Beruf oder dem von der Erwerbsarbeit in die Altersphase organisiert werden. Da es im Gegensatz zu Wirtschaftsunternehmen keine Budgets für Forschung und Entwicklung gibt, könnten Social Entrepreneur-Organisationen gegründet werden, um Innovationen zu befördern.

 

Wohlfahrt sollte Marktmacht nutzen

Die Digitalisierung hat bereits viele etablierte Unternehmen zur Strecke gebracht. Der freie und öffentliche Wohlfahrtsbereich vereint ein großes Potential an Einrichtungen, Diensten sowie Kostenträgern. Diese beachtliche Marktmacht sollte nutzbar gemacht werden, um die digitale Transformation im sozialpolitischen Bereich nicht Amazon oder Google zu überlassen. Die umfassenden Erfahrungs- und Wissenspotentiale des Wohlfahrtsbereichs sind ebenso wie das bürgerschaftliche Engagement ein großer Schatz, den es im Sinne eines Qualitätsversprechens zu bündeln gilt. Deshalb sollte die digitale Transformation durch Gemeinwohlorientierung und Bürgerbeteiligung gestaltet werden. Digitale Plattformen können professionelle Beziehungsarbeit keinesfalls ersetzen. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass die Digitalisierung des Wohlfahrtssektors zu einer Sparmaßnahme verkümmert.

 

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Der Wohlfahrtsbereich hat seit der Gründung der Bundesrepublik Beeindruckendes geleistet. Beschleunigt durch die Coronakrise steht er vor einer seiner größten Herausforderungen. Dazu braucht es gezielte strategische Vernetzungen und Mut bei den Verantwortlichen in Politik, Wohlfahrtsverbänden und öffentlichen Trägern.


Der Autor:
Prof. Dr. Egon Endres ist Professor für Sozialwissenschaften und Sozialmanagement an der Katholischen Stiftungshochschule München. Der Fachbeitrag wurde in der "Wohlfahrt intern" veröffentlicht.

 

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