Aufwachsen zwischen Scrollen und Sinnsuche: Rückblick auf einen Fachtag für Fachkräfte

Rund 80 Expertinnen und Experten aus Sozialer Arbeit, Bildung, Politik und Medien sowie Jugendliche selbst diskutierten am 13. Juli 2026 an der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH) über die Herausforderungen und Chancen digitaler Medien für Jugendliche. Das Fazit des Fachtags: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Ob Krisen der Demokratie, des Informationsbegriffs oder der Kirchen – Jugendliche wachsen heute in einer von Unsicherheiten geprägten Welt auf. Doch der Begriff „Krise“ birgt auch eine Chance. Wie Tagesmoderator Dr. Ferdinand Auhser (Don Bosco Medien) zum Auftakt ausführte, leitet sich das Wort vom griechischen Begriff für „Trennen“ und „Analysieren“ ab. Die Krise lädt also dazu ein, vermeintlich Selbstverständliches genauer zu betrachten. Dass sich der Blick dabei zwingend auf die nächste Generation richten muss, betonte KSH-Präsidentin Prof. Dr. Birgit Schaufler in ihrem Grußwort: „Im Kern geht es um die nächste Generation – und damit um unser aller Zukunft.“
 

Vorleben statt vorlabern: Was Jugendliche wirklich bewegt

Dr. Susanne Eggert (JFF – Institut für Medienpädagogik) stellte in ihrer Keynote aktuelle Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Was bewegt uns?“ vor. Ihr Fazit: Jugendliche brauchen Freiheit und Sicherheit, Vernetzung und einen stabilen Anker. Digitale Medien gehören dabei als zentraler Alltagsbegleiter fest dazu. Was Erwachsene und Fachkräfte daraus mitnehmen sollten, brachte ein Jugendlicher aus dem Forschungsprojekt auf den Punkt: „Vorleben statt vorlabern.“ Dr. Niels Brüggen (JFF) ergänzte diesen Blick um aktuelle Forschungsergebnisse und zeigte auf, dass Jugendliche ihrer eigenen Mediennutzung durchaus selbstkritisch gegenüberstehen. Fähigkeiten zur Selbstregulierung werden als wichtig erachtet. Gleichzeitig nähmen sie bei digitalen Plattformen im Hinblick auf Personalisierung und Algorithmen durchaus einen gewissen „Gruselfaktor“ wahr. Etwa im Hinblick auf das Gefühl, die Geräte wüssten mehr, als sie sollten. Genau dieser Grusel könne ein wertvoller Anlass sein, sich intensiver mit der Technik dahinter auseinanderzusetzen.
In anschließenden Workshops vertieften die Teilnehmenden unter der Leitung von KSH-Professorinnen und -Professoren (Prof. Dr. Birgit Dorner, Prof. Dr. Jutta Reich-Claassen, Prof. Dr. Florian Spensberger) die Themen Identität, psychische Gesundheit sowie digitale Souveränität.
 

Jugendpanel: „Mehr mit uns statt über uns sprechen“

Ein Highlight des Nachmittags war das Jugendpanel, besetzt mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadtschülervertretung sowie des Edith-Stein-Gymnasiums. Stadtschülersprecher Georgios Doxastakis brachte es auf den Punkt: In Politik und Medien werde viel über Jugendliche gesprochen, aber zu selten mit ihnen. Die Jugendlichen machten deutlich, dass Social Media für sie die erste Anlaufstelle für tagesaktuelle Nachrichten ist, wobei sie auch dort primär klassischen journalistischen Angeboten wie der Tagesschau vertrauen. Dennoch erleben sie einen enormen Druck: Der Verzicht auf Plattformen wie WhatsApp würde zum Ausschluss aus der Community führen. Trotz einer spürbaren Resignation angesichts von Datenverarbeitung und mangelnder Privatsphäre formulierten die Jugendlichen klare Wünsche: Sie fordern das „Recht, online Fehler machen zu dürfen“, ohne dass diese ein Leben lang in der Historie sichtbar bleiben, sowie den Ausbau von datenschutzfreundlichen europäischen Open-Source-Plattformen.
 

Politik- und Medienpanel: Auf der Suche nach positiven Narrativen

Den abschließenden Polit-Talk eröffnete Staatsministerin Ulrike Scharf MdL mit einem Zitat von Ellen Ammann: „Nicht das, was wir tun, sondern wie wir es tun, ist das Maßgebende für die Ewigkeit.“ Prof. Dr. Ursula Münch (Akademie für politische Bildung Tutzing) analysierte die aktuelle gesellschaftliche Verunsicherung und mahnte, dass Krisen oft instrumentalisiert und schlecht gemanagt würden. Staatsministerin Scharf hielt dagegen, dass das Vertrauen in die Politik aktiv gestärkt werden müsse, wofür die Bayerische Verfassung seit 80 Jahren ein stabiles Fundament biete.
Kritik an den Tech-Konzernen kam von Florian Hörlein (BDKJ Landesvorsitzender) und Dr. Annette Schumacher (BLM): Sie bemängelten die Algorithmen digitaler Plattformen, die destruktive Kommunikationsformen belohnten, und forderten eine stärkere regulatorische Verantwortung der Plattformbetreiber. Werner Reuß (BR) ordnete die Debatte noch einmal grundsätzlicher ein. Mit Verweis auf den Soziologen Armin Nassehi argumentierte er, dass der Versuch, gemeinsam „richtige" Regeln zu bestimmen, deshalb ins Leere laufe, weil es das dafür nötige gesellschaftliche „Wir" schlicht nicht mehr gebe. Sein Vorschlag: Statt der aktuell dominanten dystopischen Narrative brauche es positiv gestaltete Gegen-Erzählungen.
 

Wie geht es weiter?

Der fachliche Austausch endete mit einer offenen, engagierten Diskussion über mögliche Fortsetzungsformate wie etwa digitale Workshops, Podcasts, Vernetzungsplattformen. Der Bedarf an weiterem Austausch ist da. Die KSH München freut sich darauf, diesen Prozess weiter zu begleiten. 

Der Fachtag „Aufwachsen zwischen Scrollen und Sinnsuche“ war eine Gemeinschaftsveranstaltung der Katholischen Stiftungshochschule München, des Landeskomitees der Katholiken in Bayern und der Salesianer Don Boscos.