Perspektivwechsel für Soziale Arbeit und Theologie: Interdisziplinäres Werkstattgespräch an der KSH München

Als Ideenschmiede des Miteinanders verstand sich die zweitägige Konferenz Crossing Perspectives: Werkstattgespräch Theologie # Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München. Wissenschaftler:innen, Studierende und Expert:innen aus der Praxis blickten gemeinsam auf Theologie und Soziale Arbeit und fragten sich: Was können die beiden Disziplinen voneinander lernen und wie lassen sich ihre Perspektiven miteinander verbinden? Bei dem Werkstattgespräch entstanden spannende Ideen für integrative Theoriediskurse und innovative Praxis.

Auf dem Programm der beiden Veranstaltungstage standen ein Hauptvortrag, sechs parallel stattfindende Themenpanels sowie zwei Podiumsdiskussionen. Wurde am ersten Tag auf dem Podium noch darüber diskutiert, ob Religion in polarisierten Gesellschaften “Teufelszeug” oder “Götterfunke” sei, stellte sich am zweiten Veranstaltungstag die Frage, was die Theologie von der Sozialen Arbeit lernen könne. Beide Diskussionen waren (rückblickend) im Kontext zueinander zu verstehen. Denn beim ersten Podium wurde aus Sicht der Sozialen Arbeit, und im zweiten aus Sicht der Theologie – mal harmonisch, mal konfrontativ, aber stets fair und offen – diskutiert. Zu den Podiumsteilnehmenden zählte unter anderem Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising.

Nach der Eröffnung durch Prof. Dr. Tina Friederich, Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit an der KSH München, folgte am ersten Veranstaltungstag der Dialogvortrag mit dem Titel „Religionssensibilität als professionelles Reflexionsmoment in der Sozialen Arbeit“ von Prof. Dr. Axel Bohmeyer (KHSB Berlin) und Prof. Dr. Andreas Kirchner (KSH München). Darin wurde gleich zu Beginn der Charakter des Werksattgesprächs deutlich: Beide Disziplinen werden paritätisch abgebildet und kommen gleichermaßen zu Wort. Auch in den späteren Themenpanels leiteten jeweils ein:e Theolog:in und ein:e Sozialwissenschaftler:in den Workshop und garantierten so stets beide Sichtweisen. Diese enge Verzahnung war Grundlage für den fachlichen Austausch und ermöglichte auf natürliche Weise permanent einen Perspektivwechsel.

Der zweite Veranstaltungstag wurde von KSH-Präsidentin Prof. Dr. Birgit Schaufler im Foyer des Ellen-Ammann-Seminarhauses eröffnet. In ihrer Begrüßung betonte die Hochschulpräsidentin, dass sich die KSH München als ein geeigneter Dialograum verstehe, um ein inter- und transdisziplinäres Denken beider Fächer zu ermöglichen. Und genau diese Reflexionsprozesse wollten die Initiatorinnen Prof. Dr. Anna Noweck, Professorin für Theologie in der Sozialen Arbeit und Leitung der Theologischen Zusatzqualifikation München an der KSH München, und Dr. Aurica Jax, Lehrkraft für besondere Aufgaben für das Lehrgebiet Theologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, mit dem Werkstattgespräch anstoßen.

Der Versuch, Theorie & Praxis und Theologie & Soziale Arbeit zusammenzulegen und ihre jeweiligen Perspektiven zu verbinden, ist bereits seit Jahren ein Thema. Neu an dem Format „Crossing Perspectives“ war jedoch, dass die Fächer nicht wie in der Vergangenheit oftmals nur übereinander, sondern miteinander sprechen und das Verbindende gezielt suchen. „Der Austausch mit über 80 Teilnehmenden hat mir verdeutlicht, dass es nicht ohne ein Miteinander geht. Diese Zusammenarbeit muss nicht immer harmonisch sein, sondern die Konfrontation und die Gegensätze müssen ausgehalten und mitgenommen werden“, sagte Prof. Dr. Anna Noweck am Ende der Veranstaltung. Die Mitinitiatorin Dr. Aurica Jax nimmt als wichtiges Learning aus dem Werkstattgespräch mit: „Als Theologin kenne ich die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin. Umso bereichernder war es, ähnliche Reflexionsprozesse auch in der Sozialen Arbeit zu erleben. Gerade die Frage, wie offen die Soziale Arbeit für religiöse Themen und für die Realität gläubiger Klient:innen und Fachkräfte ist, muss dringend weiterdiskutiert werden.“ In den Panels hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich interdisziplinär verschiedensten Themen wie beispielsweise „Geschlecht als Un-/Sicherheitskategorie“ oder „Soziale Arbeit, Theologie und White Innocence“ zu nähern. Zum Einsatz kamen dabei unter anderem Ideen und Methoden aus der Anthropologie, Ethik, Spiritualität und den Gender- und Post-Colonial-Studies. Die Panels zeichneten sich durch ihren Workshop-Charakter aus, und wurden durch Rollenspiele und Diskussionen lebendig.

Kardinal Marx beim Werkstattgespräch: Für die abschließende Diskussionsrunde nahm sich auch Reinhard Kardinal Marx Zeit und schilderte seine Ansichten zur Relation von Sozialer Arbeit und Theologie. Es sei nicht nur wichtig zu erkennen, sagte Kardinal Marx, dass caritatives Handeln durch theologische Überzeugungen motiviert sei, sondern dass die Erkenntnisse aus der caritativen Arbeit auch eine wichtige Grundlage für das christliche Nachdenken über den Menschen darstellten. Der Erzbischof von München und Freising diskutierte mit Prof. Dr. Johannes Haeffner (EVHN), Dr. Paulina Hauser (Caritas Berlin) und Annemarie Schubert (BDKJ München). „Das Podium war ein wichtiger Impuls, um die beiden Professionen enger miteinander zu verbinden“, blickte Prof. Dr. Anna Noweck in die Zukunft. „Wir haben noch einen Weg vor uns, um die relevanten Schnittstellen zu finden. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.“

Aus dem Werkstattgespräch soll ein Sammelband hervorgehen. Derzeit wird die Publikation unter dem Titel „Perspektiven verbinden“ im Verlag De Gruyter vorbereitet; die Erscheinung ist für das Jahr 2027 geplant. Und auch einer Wiederholung des Werkstattgesprächs stehen die Organisatorinnen offen gegenüber – die Teilnehmenden würde es sicherlich freuen, denn das Feedback war durchweg positiv. Sie haben das Werkstattgespräch verpasst? Auf dem Instagram-Kanal der Theologischen Zusatzqualifikation München (@tz.ksh.muc) haben Studierende ihre Beobachtungen sowie Interviews mit Teilnehmenden in Reels festgehalten.